Nonbinarität: Jenseits der binären Geschlechterordnung

Non-binäre Personen identifizieren sich nicht oder nicht vollständig als Mann oder Frau. In unserer Gesellschaft ist die binäre Ordnung der Geschlechter jedoch omnipräsent. Das hat ­Folgen für die Gesundheit von non-binären Menschen. Um sie adäquat zu pflegen, sollten sich Gesundheitsfachpersonen mit Geschlechtervielfalt auseinandersetzen.

Autorin: Martina Camenzind / Bild: xaviernarau / nito100


Mit Kim de l’Horizon und Nemo traten in den letzten Jahren zwei non-binäre Personen ins Rampenlicht, die ihre Geschlechtsidentität in ihrer Kunst thematisieren. Sie, das Model Tamy Glauser und schätzungsweise 100 000 bis 150 000 Personen in der Schweiz identifizieren sich nicht als hundertprozentig männlich oder weiblich, sondern irgendwo dazwischen oder jenseits davon. Der Gewinn des Deutschen und des Schweizer Buchpreises durch Kim de l’Horizon und insbesondere der Sieg von Nemo am ESC sorgten dafür, dass Non-Binarität sichtbar wurde – und schürte Hoffnung bei der non-binären Community, dass ihre Anliegen endlich Gehör finden. 


Non-Binarität ist für viele Personen schwierig zu verstehen. Das gilt insbesondere für Personen, die nicht der LGBQIA+-Community angehören, sondern sich (mehr oder weniger problemlos) in die cis-geschlechtliche, heterosexuelle Ordnung einfügen. «Ich verstehe es irgendwie nicht ganz» ist ein Gedanke, der auch Personen durch den Kopf gehen dürfte, die offen gegenüber den Anliegen von Personen sind, die nicht der cis-geschlechtlichen heterosexuellen Mehrheit entsprechen. Und die Aussagen unangebracht finden, wie jene von alt Bundesrat Ueli Maurer:  es sei ihm egal, ob ein Mann oder eine Frau seine Nachfolge antrete, «solange es kein ‹Es› ist».


Binäres Weltbild

Das binäre Denken ist tief verwurzelt in westlichen Gesellschaften und bildet auch die Basis der binär-normativen Vorstellung von Geschlecht. Gegensatzpaare wie Natur und Kultur, Körper und Geist, «Wir» und «die Anderen» sind zentrale Kategorien, gemäss denen wir die Welt interpretieren und ordnen. Die Binarität der Geschlechter erscheint als naturgegeben und hat einen immensen Stellenwert. Unmittelbar nach der Geburt werden Neugeborene auf der Basis ihrer Genitalien als weiblich oder männlich kategorisiert und mit der Wahl eines (gegenderten) 
Vornamens gewissermassen «markiert»*. Denn die Frage «Ist es ein Bub oder ein Mädchen?» ist wohl die erste, die sich Eltern stellen und die sie in den ersten Lebenstagen des Babys am häufigsten beantworten. Dabei wäre diese frühe Zuweisung eigentlich nicht nötig: Ein Kind braucht in erster Linie Nahrung, Fürsorge und Liebe, unabhängig von seinem «Geschlecht». 

Dennoch ist das bei der Geburt zugeschriebene binäre Geschlecht ein bestimmender Faktor für das ganze Leben. Es definiert adäquate Verhaltensweisen, beeinflusst die Berufs- und Partnerwahl, normiert Umgangsformen und Bekleidung und vieles mehr. Die binäre Geschlechterordnung wirkt nicht nur auf individueller Ebene, sondern weit darüber hinaus. Trotz jahrzehntelangem Kampf für die Gleichstellung von Frauen und für LGBTQIA+-Rechte dominieren patriarchale Strukturen und die Machtzentren sind besetzt von heterosexuellen (oft weissen) Cis-Männern. 


Geschlecht mehrdimensional verstehen

In vielen westlichen Ländern hat die Akzeptanz von Menschen, die nicht heterosexuell sind oder gegenüber trans* Menschen zugenommen, in soziokultureller und auch in rechtlicher Hinsicht. Hingegen haben viele Personen Mühe, das ganze Spektrum von Geschlechtervielfalt zu verstehen. Das hänge insbesondere damit zusammen, dass das Verständnis für die Mehrdimensionalität von Geschlecht fehle, stellt Evianne Hübscher fest. Die non-binäre Person mit einem Doktortitel in Psychologie informiert seit 2016 auf der Website nonbinary.ch über Geschlechtervielfalt und insbesondere Non-Binarität und führt Kurse und Workshops durch. Um das Verständnis für die Mehrdimensionalität von Geschlecht und Geschlechtervielfalt zu fördern, hat Evianne Hübscher das «Geschlechter-Radar» entwickelt. Das Modell veranschaulicht die verschiedenen Dimensionen von Geschlecht und ihre jeweiligen Ausprägungen (s. Grafik). Andere bekannte Modelle sind «Genderbread Person» und «Gender Unicorn». 

Zentral ist es, Geschlecht biopsychosozial zu verstehen, erklärt Evianne Hübscher und macht mindestens fünf Dimensionen von Geschlecht aus:

  • Körper (biologische Dimension): äussere und innere Geschlechtsorgane, Keimdrüsen, Hormone, Chromosomen und weitere sekundäre Geschlechtsmerkmale. 
  • Geschlechtsidentität (psychologische Dimension): Das Wissen, das ein Mensch über sich selber hat, einem bestimmten Geschlecht anzugehören bzw. nicht. Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang ist, ob die Person sich mit dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren kann oder nicht. 
  • Ausdruck: Das Äussere einer Person in Bezug auf Geschlecht. Relevante Aspekte sind: Kleider, Frisur, Styling, Stimme, Art der Kommunikation, Gesichtsbehaarung, Körperformen, Körpersprache, etc. Diese Aspekte sind in unserer Gesellschaft stark mit Geschlecht assoziiert (gegendert). Zum Ausdruck können auch Namen und Pronomen einer Person gezählt werden. 
  • Anziehung (resp. sexuell/romantische Orientierung): Hat eigentlich nichts mit Geschlecht im engeren Sinne zu tun, ist in einer heteronormativen Gesellschaft dennoch sehr relevant. 
  • Rolle: Erwartungen (ausgesprochen oder nicht), wie sich «Angehörige eines Geschlechts» zu verhalten haben. Besonders spürbar sind Geschlechterrollen in Beruf, Familie und Beziehungen. (Quelle: www.nonbinary.ch/grundlagen

 

Dimensionen von Geschlecht mit ihren normativen resp. expansiven Ausprägungen (Grafik: www.geschlechter-radar.org)

 

 

Die fünf Dimensionen sind voneinander unabhängig. In jeder dieser Dimensionen gibt es normative (der Norm entsprechende) und expansive (die Norm ausweitende) Ausprägungen, die als Spektrum verstanden werden sollten (und nicht exklusiv, resp. binär). 

Non-Binarität bezieht sich auf die Dimension der Geschlechtsidentität. Non-binäre Personen sind trans in dem Sinn, dass sie sich nicht mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren, sondern in einem Spektrum zwischen oder jenseits der Geschlechter. Trans Männer und trans Frauen hingegen identifizieren sich entsprechend der binären Geschlechterordnung als Mann oder Frau. Non-Binarität gibt es in unzähligen Ausprägungen (z. B. genderfluid, agender, bigender, neutrois usw.). Sie sagt per se nichts aus über die Rolle, die sexuelle/romantische Anziehung oder den Ausdruck der jeweiligen Person. 


Omnipräsente Binarität 

In einer stark binär-normativen Gesellschaft sehen sich geschlechterdiverse und non-binäre Personen zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt – sie erleben Minderheitenstress («minority distress»). Das beginnt bei der stark gegenderten, binären Sprache, setzt sich fort in der Infrastruktur (z. B. Toiletten oder Garderoben), im Umgang mit den Behörden, bei rechtlichen Fragen und auch im Gesundheitswesen. Die binäre Geschlechterordnung durchdringt den ganzen Alltag, auch in Situationen, in denen das Geschlecht irrelevant wäre – wie beim Einkauf im Supermarkt oder bei Bestellformularen in einem Onlineshop. 


Während es in zahlreichen Ländern die Möglichkeit gibt, im Personenstandsregister zwischen drei (z. B. in Deutschland) oder mehr Geschlechtern (fünf in Österreich) zu wählen, wurde die Forderung nach einem dritten amtlichen Geschlecht 2022 vom Bundesrat abgelehnt: «Die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür sind nicht gegeben.» Dies, obwohl die Nationale Ethikkommission (NEK) 2020 in einer Stellungnahme die Einführung eines dritten Geschlechts eindeutig befürwortet hatte: «Die heutige Regelung vermag die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten nicht abzubilden und lässt fundamentale Interessen von Menschen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität sowie trans-identen und intergeschlechtlichen Menschen ausser Acht» (NEK, 2020). 


Enormer Anpassungsdruck

Die NEK verweist darauf, dass diese fehlende registerrechtliche Kategorie dazu führt, dass «Personen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität und intergeschlechtliche Personen negative Folgen hinnehmen müssen: Die Identifikation mit einem der binären Geschlechter wird gesellschaftlich stillschweigend vorausgesetzt und binäre geschlechtliche Feststellungen sind visuell und sprachlich omnipräsent.» Viele non-binäre Personen leiden «unter einem enormen Anpassungsdruck, diskriminierenden Verhaltensweisen und fühlen sich unsichtbar». Das führe auch «zu einem erhöhten Druck zu geschlechtsangleichenden Eingriffen, obwohl operative oder hormonelle Behandlungen zur Angleichung des Körpers an ein Geschlecht oft weder einer medizinischen Indikation entsprechen noch von den betroffenen Personen gewünscht werden.» 


Konsequenzen für die Gesundheit

Fehlende Anerkennung und Abwertung durch das soziale Umfeld bis hin zu Gewalt sowie die binären gesellschaftlichen Strukturen haben zahlreiche negative Konsequenzen für die Gesundheit von geschlechterdiversen Personen. Dazu gehören höhere Anteile an chronischen Problemen, Behinderungen und Krankheit. Insbesondere non-binäre Jugendliche leiden überdurchschnittlich an Depressionen, Suizidalität und Suchterkrankungen. Weil Personen mit non-binärer Geschlechtsidentität in Institutionen des Gesundheitswesens negative Erfahrungen gemacht haben oder solche befürchten, nehmen sie weniger medizinische Dienstleistungen in Anspruch und haben einen erschwerten Zugang zu öffentlichen Gesundheitsdienstleistungen. Die Folge davon ist, dass in der Schweiz Personen mit non-binärer Geschlechtsidentität eine signifikant tiefere Gesundheit und Lebensqualität haben als Personen, die sich in ein binäres Geschlecht einordnen (NEK, 2020). 

Generell lässt sich feststellen, dass die Bedürfnisse von non-binären Personen an die Gesundheitsversorgung bis anhin noch wenig erforscht sind (Kinney & Cosgrove, 2022). Der Grund dafür liegt in den medizinischen und sozialen Konstrukten von Geschlecht an sich: «Es wird oft irrtümlicherweise angenommen, dass trans zu sein bedeutet, sich auf einem linearen Weg von der einen Seite einer dichotomen Binarität zur anderen Seite zu befinden.» (ebd.) Solange die Gesundheitsfachpersonen in der binären Perspektive von Geschlecht verhaftet bleiben, erfahren non-binäre Personen Hindernisse beim Zugang zu Gesundheitsversorgung und zu Gender affirming Care (s. Box rechts).


Geschlechtervielfalt ­anerkennen

Im medizinischen Bereich fand 2022 ein Paradigmenwechsel statt. Die 11. Revision der «International Classification of Diseases» (ICD-11) anerkennt das Menschenrecht der geschlechtlichen Selbstbestimmung, das in den 
Yogyakarta-Prinzipien verankert ist. Entsprechend sollen die individuellen Bedürfnisse von Behandlungssuchenden mit Geschlechter­inkongruenz (GI) in den Vordergrund gestellt werden, und nicht allgegenwärtige, normative 
Vorstellungen von Geschlecht.  Personen mit GI sollen aus den zur Verfügung stehenden Behandlungsoptionen die für ihre individuelle Situation passenden Interventionen auswählen und priorisieren. Dazu gehören neben medizinischen Massnahmen auch amtliche (Geschlechtseintrag) und soziale: Das Coming-out, die Verwendung eines neuen Namens, Veränderungen des Erscheinungsbilds, den Wechsel von gegenderten Gruppen (wie Sportteams) oder Räumen (WCs, Garderoben) (Rudolph et al, 2023). 

In der Kampagne «We exist» von Transgender Network, die sich für die Anliegen, Rechte und Sichtbarkeit von non-binären Personen einsetzt, äussern viele non-binäre Personen den Wunsch nach einer Gesundheitsversorgung, die ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Angesichts der vielen Ausprägungen von Non-Binarität gibt es keinen «One-Size-fits-all»-Ansatz. Die Bereitschaft von Gesundheitsfachpersonen, ihre (binäre) Perspektive auf Geschlecht zu hinterfragen, sich über Geschlechtervielfalt und Non-Binarität zu informieren, sowie non-binären Personen offen und respektvoll zu begegnen, sind Grundvoraussetzungen für eine bessere Verrsorgung. Angesichts der zahlreichen Diskriminierungen, denen non-binäre Personen in einer binären Welt ausgesetzt sind, gehört dazu – im Sinne von advocacy – auch, sich dafür einsetzen, dass Geschlechtervielfalt in der Gesellschaft und in der Politik anerkannt wird. 

Foto: SolStock


Weniger «gender pressure» ist gut für alle

Der Druck, geschlechterbezogenen Normen zu entsprechen, ist für alle Menschen gross und verursacht viel Leid, nicht nur bei geschlechterdiversen Menschen. Die Anerkennung der Vielfalt der Geschlechter kann diesen Druck für alle mindern, der sich in Hass, Ablehnung und Aggressivität gegen andere (wie bei der sogenannten «toxischen Männlichkeit») oder sich selber (selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, etc.) äussern kann. 

 

*Ist diese Zuordnung bei der Geburt nicht eindeutig möglich, weist das Kind eine von mehreren Variationen von  Intergeschlechtlichkeit auf. Mehr Informationen zu Intergeschlechtlichkeit. www.inter-action-suisse.ch 

 

LOGIN Mitglied werden