Pflege in der integrativen Medzin: Am Anfang ist die Frage nach dem Ziel der Patient:innen
Schulmedizin und komplementäre Methoden galten lange als Gegensätze. Die integrative Medizin überwindet diese Gegenüberstellung. Pflegefachpersonen können in diesem Ansatz eine zentrale Rolle einnehmen. Davon sind Esther Brun und Geneviève Lavanchy überzeugt, die Co-Präsidentinnen von ISMI-PSIM, dem Verband der Pflegefachpersonen mit Spezialisierung in integrativer Medizin.
Text: Martina Camenzind / Bilder: mac; 123rf
Esther Brun und Geneviève Lavanchy haben sich der Pflege in der integrativen Medizin verschrieben. Sie sind die Co-Präsidentinnen des Verbands ISMI-PSIM, der Pflegefachpersonen mit einer Spezialisierung in integrativer Medizin vereint (s. Seite 15). Sie engagieren sich dafür, dass die Rolle der Pflege in diesem relativ neuen Ansatz anerkannt und professionalisiert wird.
Die Anwendung von komplementären Methoden gehörte lange zu den Kernaufgaben der Pflege. Mit der Akademisierung, aber auch mit dem zunehmenden Zeitdruck gerieten diese Ansätze etwas in den Hintergrund. Die Bevölkerung steht der Komplementärmedizin jedoch sehr offen gegenüber. Der Gegenentwurf zur Volksinitiative über die Komplementärmedizin wurde 2009 mit 67 Prozent Ja-Stimmen deutlich angenommen. Um Patient:innen zu beraten und ihnen im breiten Angebot Orientierung zu bieten, sind Pflegefachpersonen mit entsprechenden Zusatzkompetenzen in einer besonders guten Position.
Im Gespräch mit der Krankenpflege erklären Esther Brun und Geneviève Lavanchy den Ansatz der integrativen Medizin, die Rolle der Pflege darin und die Ziele von ISMI-PSIM. Beide haben jahrzehntelange Erfahrung: Esther Brun ist Pflegefachfrau und eidg. dipl. Komplementärtherapeutin mit Weiterbildungen in Phytotherapie, psychologischer Gesprächsführung und Traumatherapie. Sie arbeitet als Körpertherapeutin abteilungsübergreifend im Stadtspital Zürich. Geneviève Lavanchy ist freiberufliche Pflegefachfrau mit Weiterbildungen in Homöopathie, Gesundheitsberatung und Lymphdrainage.
Krankenpflege: Was ist integrative Medizin?
Geneviève Lavanchy: Heute ist integrative Medizin ein internationales Konzept. Es beinhaltet drei Elemente: Das erste ist das Ziel oder Projekt des Patienten, der Patientin. Das zweite ist der Beitrag der Schulmedizin zu diesem Ziel. Und das dritte ist der Beitrag der komplementären Medizin an dieses Ziel. Wenn diese drei Elemente nicht da sind, kann man meiner Meinung nach nicht von integrativer Medizin sprechen. Wenn beispielsweise Hypnose wie ein Medikament mit einer paternalistischen Haltung verschrieben wird, ist das keine integrative Medizin.
Esther Brun: Im Zentrum soll das Ziel des Patienten, der Patientin sein: «Was möchte ich erreichen? Mit welchen Mitteln kann ich dieses Ziel erreichen?». Schulmedizinische und komplementäre Methoden werden dabei auf gleicher Ebene gesehen.
Welche Rollen haben Pflegefachpersonen in diesem Zusammenspiel?
EB: Viele der komplementären Methoden waren ein wichtiger Bestandteil der Pflege. Ich habe die AKP-Ausbildung gemacht. Wir lernten Wickel, Phytotherapie und haben z.B. Atemtechniken angewandt, das gehörte zur Pflege. Durch die Akademisierung und den Zeitmangel ging das etwas verloren. Ich höre oft, dass Pflegende sagen, sie fänden das toll und würden das gerne machen, aber sie hätten keine Zeit dafür. Pflegende wenden diese Methoden zwar nach wie vor an, aber der Stellenwert ist nicht sehr hoch. Seit der Abstimmung über die Komplementärmedizin werden bestimmte Methoden zwar von der Grundversicherung vergütet, aber nur, wenn sie von einem Arzt oder einer Ärztin mit einer komplementärmedizinischen Weiterbildung angewendet werden. Die Pflege ist davon ausgeschlossen, obwohl wir der Überzeugung sind, dass die Pflegenden hier eine wichtige Rolle übernehmen können.
Weil bei diesen Methoden auch Caring zum Ausdruck kommt?
EB: Das Caring ist ein Aspekt, aber es kommen viele weitere Elemente dazu.
GL: Für mich ist «advocacy» ein wichtiger Bestandteil unserer Rolle. Wir geben dem Patienten, der Patientin die Möglichkeit, auszudrücken, was er oder sie will. Gemäss meiner Erfahrung ist das etwas, dass aktuell wirklich fehlt. Je schwieriger oder komplexer eine Situation ist, umso weniger wissen die involvierten Personen, wohin es gehen soll. Das kostet viel Zeit und Energie und ist für die Patient:innen sehr frustrierend. Unsere Rolle ist es, genau zuzuhören, was der Patient oder die Patientin will. Und oft ist es leider genau nicht das, was er oder sie gerade erlebt. Dieses Zuhören ist etwas, das wir können, es gehört zu unserer DNA als Pflegefachpersonen.
Was ist der Hauptfokus von Pflegefachpersonen in der integrativen Medizin?
EB: Erstens das Ziel des Patienten oder der Patientin. Dann die Beratung, welche Methoden zu diesem Ziel passen und die Anwendung von komplementären Methoden.
GL: Es gibt die relative neue Achse Lebensqualität versus Lebensquantität. Ich arbeitete vor vierzig Jahren mit Frauen mit Brustkrebs und es ging einfach darum, sie zu «retten» – Punkt. Sie hatten Schmerzen, verloren die Haare, hatten ein Loch in der Brust – aber sie waren gerettet … Heute will das niemand mehr. Die Menschen wollen Qualität. Sie wollen wissen, wie man sich entspannt, wie sie anders atmen können, sie wollen Berührung.
EB: Es geht um die Befähigung der Patient:innen, damit sie wissen, was sie wollen. Aber es geht auch darum, dass sie lernen, was sie selbst tun können. Zum Beispiel indem sie Atemtechniken lernen, die sie gegen Schmerzen einsetzen können.
Wenn wir zum Verband ISMI-PSIM übergehen: Woran arbeitet ihr aktuell?
EB: Wir haben kürzlich das Berufsprofil für spezialisierte Pflegefachpersonen in der Integrativen Medizin fertiggestellt. Unser nächstes Ziel ist es, bekannter zu werden. Die integrative Medizin ist ein relativ junges Gebiet. Wir wollen für die Pflege Standards schaffen, um die Qualität sicherzustellen. Dabei geht auch darum, Bildungsangebote aufzubauen. Aktuell gibt es zwei CAS, eines in Lausanne, und eines in Winterthur. ISMI-PSIM bietet seinen Mitgliedern einen zweitägigen Kurs an, in dem es um das Verständnis der integrativen Pflege geht.
Mein Eindruck ist, dass Pflegende komplementäre Methoden gerne anwenden, aber möglicherweise passiert das eher etwas «zufällig», zum Beispiel aufgrund von persönlichen Erfahrungen. Geht es auch um eine stärkere Professionalisierung?
EB: Um die Qualität zu sichern, muss man anerkennen, dass eine Weiterbildung in einer komplementären Methode eine Zusatzqualifikation zur schulmedizinisch geprägten pflegerischen Grundausbildung ist. Das ist bei den Ärzt:innen, die komplementärmedizinische Methoden anbieten, auch so.
GL: Die komplementären Methoden sind gerade in Mode. Oft redet man auch von «sanften» Methoden. Davon möchten wir uns abgrenzen. Die komplementären Methoden sind zusätzliche Werkzeuge. Man wird sich zunehmend bewusst, dass die Schulmedizin beim Behandeln von chronischen Schmerzen und Krankheiten an ihre Grenzen stösst. Gleichzeitig gibt es eine grosse Nachfrage nach diesen anderen Werkzeugen. Es ist – auch aus ethischer Perspektive – wichtig, dass es Gesundheitsfachpersonen gibt, die der Bevölkerung Orientierung geben können. In einer vulnerablen Situation nimmt eine Person das erste Angebot an, das sie erhält – ohne wirklich zu wissen, ob es gut für sie ist und einen Nutzen bringt, oder ob es Kontraindikationen gibt und Risiken beinhaltet. Darum braucht es spezialisierte Pflegefachpersonen, die wissen, welche Möglichkeiten es gibt, welchen potenziellen Nutzen, welche Kontraindikationen, welche Risiken.
Was will der Patient wirklich? Diese Frage wird oft nicht gestellt.
Hängt diese Nachfrage der Patient:innen auch mit einem anderen Anspruch an ihre Versorgung zusammen?
EB: Ich erlebe die Patient:innen heute als sehr viel differenzierter und sie trauen sich eher, nachzufragen. Sie sind nicht mehr bereit, einfach zu tun, was der Arzt sagt. Sie lesen, informieren und erkundigen sich, ob sie noch dieses oder jenes machen können.
GL: Manche Ärzt:innen, mit denen ich zusammenarbeite, befassen sich gar nicht damit. Sie schicken Patient:innen, die nach komplementären Therapiemöglichkeiten fragen, direkt zu mir. Integrative Medizin ist jedoch Teamarbeit. Darum fordere ich zum Beispiel die Resultate der kardiologischen Untersuchung an, bevor ich eine Person über mögliche komplementäre Ansätze berate. Es geht dabei auch um die Sicherheit der Patient:innen. Sie müssen oft alle Informationen selbst zusammensuchen. Das darf nicht sein. Sie brauchen sichere und professionelle Information und Beratung.
EB: Viele Menschen suchen im Internet und finden zum Beispiel Tipps zu Nahrungsergänzungspräparaten. Es wäre wichtig, dass ihnen jemand erklärt, dass das im Moment eben nicht das ist, was sie nehmen sollten.
GL: Das ist eine Richtung, in die sich ISMI-PSIM weiterentwickeln sollte. Dass wir uns an die Seite der Patient:innen stellen, und sie über unsere Webseite spezialisierte, professionelle Beratung durch Fachpersonen finden für ihre persönliche Situation. So weit sind wir aber noch nicht.
EB: Deswegen braucht es auch Spezialisierung und entsprechende Standards. Damit es nicht nach dem Schema «Dann probieren wir halt mal das oder ich gebe mal das» abläuft …
«Nehmen Sie doch mal diese Globuli» …
EB: … genau! Denn es gibt auch bei den komplementären Methoden Kontraindikationen – und es ist auch nicht angebracht, alles zu nehmen oder zu machen, was es gibt.
GL: Es geht oft um sehr schwierige und komplexe Situationen, mit Angehörigen, die an ihre Grenzen kommen und erschöpft sind. Wenn ein Mann mir kommt und sagt: «Meine Frau hat gesagt, ich soll zur Akupunktur … aber ich habe Angst vor Nadeln», frage ich nach: «Warum wollen Sie denn zur Akupunktur?» «Ich bin so müde und kann kaum schlafen.» Es geht darum herauszufinden, was der Mann wirklich will – sein Ziel. Unsere Arbeit ist es, ihm aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es für ihn gibt – in diesem Fall vielleicht Hypnose oder Reflexzonentherapie.
Wo ist ISMI-PSIM in zehn Jahren? Ich gehe davon aus, dass die Finanzierung – wie so oft – ein Problem ist...
GL: Ich bin überzeugt davon, dass wir ein Teil der Lösung sind, um die Gesundheitskosten zu reduzieren. Weil der Patient nicht gefragt wird, wohin er gehen will, wird an seiner Stelle entschieden. Und oft geht man davon aus, dass er die teuerste Lösung will. Ich habe jedoch mehrere Patient:innen, die sagen, sie möchten lieber vier Jahre gut leben als zehn Jahre mit all den Eingriffen und Therapien, die möglich wären. Mein Traum ist, dass es in zehn Jahren im ambulanten Bereich in jeder Gruppenpraxis eine spezialisierte Pflegefachperson für integrative Medizin gibt, die eine Sprechstunde anbietet. Natürlich nicht für jede Erkältung, aber für Menschen in komplexen gesundheitlichen Situationen. Dass wir eine Rolle haben, die so nahe wie möglich an den Patient:innen angesiedelt ist. Ich sehe Situationen, in denen alles, was den Patient:innen vorgeschlagen wird, gescheitert ist – weil man sie nicht gefragt hat! Das verursacht enorme Kosten!
EB: Es werden zwar schon Aufklärungsgespräche über Therapieoptionen geführt, aber die Konsequenzen für die Lebensqualität der Patient:innen werden dabei nicht besprochen. Ich wünschte mir, dass man die Menschen früher fragt und mit ihnen die Konsequenzen von diesem oder jenem Eingriff bespricht. Wollen sie länger leben mit weniger Qualität – oder lieber kürzer mit mehr Qualität? Und dass die komplementären Methoden dabei angesprochen werden. Als Vision wünsche ich mir schon, dass es in jedem Spital eine oder mehrere Pflegefachpersonen gibt, die so arbeiten, wie ich arbeite, und dass es einfach dazugehört. Auch dass komplementärmedizinische Techniken wieder Bestandteil der Grundbildung in der Pflege werden und es verschiedene Kompetenzlevels wie CAS, MAS oder auch ein Doktorat in diesem Gebiet gibt. Für die Pflege. Denn es geht uns darum, die Pflege in diesem Gebiet zu stärken und unsere pflegerischen Kompetenzen einzubringen. Ich glaube, wir sind da am Anfang von etwas.
ISMI-PSIM
Der nationale Verband der auf integrierte Medizin spezialisierten Pflegefachpersonen ISMI-PSIM engagiert sich für die Anerkennung, die Rolle und die Kompetenzen der Pflegefachpersonen in integrativer Medizin. ISMI-PSIM trat 2022 die Nachfolge der ISMAC an, die vor allem in der Westschweiz und im Tessin aktiv war.
Der Zweck des Vereins ist es, «Pflegefachpersonen und Studierende mit Interesse an Themen der Integrativen Medizin (IM) zusammenzubringen und zu vernetzen, um die Entwicklung der Pflege und der Ausbildung in IM gemäss der geltenden Definition zu ermöglichen: «Die Integrative Medizin ist eine Kombination von klassischer Medizin und komplementären Therapien, welche mit Evidenz basierten Studien belegt werden können und als sicher gelten. Sie unterstützt die Gesundheitsförderung, indem sie den Patienten/die Patientin als aktive:n Teilnehmer:in in diesem Prozess betrachtet (Salutogenese).»
ISMI-PSIM hat die Vision, die pflegerische Referenz im Bereich der integrativen Medizin in der Schweiz zu sein und den Zugang der Schweizer Bevölkerung zu integrativer Medizin gemäss den Regeln der Ethik und des qualitativ hochstehenden professionellen Wissens zu ermöglichen und zu fördern. ISMI-PSIM will Patient:innen dabei unterstützen, ihre Gesundheit aktiv mitzugestalten und sie in ihrem Heilungsprozess zu begleiten, die Fachkompetenzen der Pflegefachpersonen im Bereich der integrativen Medizin zu entwickeln und zu standardisieren und sich bei der Bewältigung aktueller und künftiger Herausforderung im Schweizer Gesundheitswesen zu engagieren.
Als Folge der Abstimmung über die Komplementärmedizin wurden fünf komplementäre Methoden (Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin und Phytotherapie) wieder in den Leistungskatalog der Grundversicherung aufgenommen – allerdings nur, wenn sie von eine:r Ärzt:in praktiziert werden. Alle anderen Ansätze wie Massagetherapien, Reflexologie, Naturheilkunde usw. werden über Zusatzversicherungen erstattet.
Auch die eidgenössischen Diplome für Komplementärtherapeut:innen sind an das System der Zusatzversicherungen gekoppelt. Pflegefachpersonen, die komplementäre Methoden anwenden, sind den Therapeut:innen gleichgestellt.
Mehr Informationen: www.ismi-psim.ch