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Rehabilitation: Pflege in der Versorgung von Brandverletzten

Jedes Jahr erleiden in der Schweiz fast 7800 Menschen Verbrennungen. Darunter sind 330 bis 370 schwere Fälle, wie die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana. Brandverletzte werden in spezialisierten Zentren behandelt und benötigen eine strukturierte Versorgung, von der Akutphase bis zur Rehabilitation, damit eine Rückkehr nach Hause unter den bestmöglichen Bedingungen möglich ist. In den Suva­kliniken in Sitten (VS) und Bellikon (AG) steht die Pflege an erster Stelle: Sie hilft den Verbrennungsopfern, ihren Körper, ihre Bewegungsabläufe und ihren Alltag wiederzuerlangen.

Text: Marc-Antoine Degraeve, Thomas Kirschning, Helena Membrez, Jennifer Vaz Cordeiro  / Illustration: Marc-Antoine Degraeve mithilfe von KI 

 

Der Behandlungsverlauf von Brandverletzten geht weit über die Akutphase hinaus: In den ersten Tagen stehen klinische Stabilisierung, Wundversorgung und Infektionsprävention im Vordergrund. Die eigentliche Herausforderung kommt erst später. Der Fokus liegt dann darauf, wieder Selbstständigkeit, funktionelle Unabhängigkeit und Selbstwertgefühl zu erlangen. Die Rehabilitation ist entscheidend für die langfristige Lebensqualität.

Die Clinique romande de réadaptation (CRR) und die Rehaklinik Bellikon (RKB) begleiten Brandverletzte mit einer Kombination aus medizinischer Versorgung, funktioneller Unterstützung durch Physiotherapie und psychosozialer Begleitung. Der Ansatz ist interprofessionell, wobei die Pflege im Behandlungspfad in der ersten Reihe steht: Sie unterstützt Brandverletzte darin, ihren Körper, ihre Bewegungsabläufe und ihren Alltag wiederzuerlangen. Im Jahr 2025 betrug die Aufenthaltsdauer von Verbrennungsopfern in den beiden Kliniken im Durchschnitt 65,8 Tage.


An der Schnittstelle von Technik, zwischenmenschlicher Beziehung und Psyche

Die rehabilitative Pflege von Verbrennungsopfern erfordert eine Kombination von spezifischen Kompetenzen: klinisches Fachwissen, zwischenmenschliche Kompetenz und psychologische Begleitung.


Das Vertrauensverhältnis als Basis

Basis jeder Intervention ist das Vertrauensverhältnis zwischen dem Versorgungsteam und dem Brandopfer. Es entsteht bereits in den ersten Momenten, durch den Empfang, Pünktlichkeit, Vorbereitung und Professionalität. Eine ruhige, respektvolle und konsequente Haltung ist Grundlage der therapeutischen Allianz. Die Umstände, unter denen die Verbrennung passiert ist – ein Unfall im Haushalt, bei der Arbeit, in der Freizeit oder im Zusammenhang mit psychischen Problemen – dürfen die Qualität der Versorgung nicht beeinträchtigen. Sie ermöglichen, die Situation zu verstehen, bleiben aber Hintergrund und beeinflussen nicht die Beurteilung oder die therapeutische Beziehung. Diese Haltung fördert eine solide, für den Heilungsprozesse unerlässliche Pflegeallianz. Thomas Kirschning, Wundexperte an der RKB, sagt: «Die Versorgung von Brandverletzten beruht auf Vertrauen vom ersten Kontakt an, auf der Fähigkeit, eine authentische und transparente Beziehung zu schaffen und darauf, auch bei Schwierigkeiten und Rückschlägen ehrlich und konsequent zu kommunizieren.» 


Schmerz: zentrales Thema der Rehabilitation

Ein Hauptsymptom bei Brandverletzten sind Schmerzen, oft intensiv und manchmal anhaltend. Sie verstärken sich besonders bei der Hautpflege, beim Verbandwechsel oder bei Aktivitäten des täglichen Lebens. Selbst das Duschen kann zu einer komplexen und heiklen Angelegenheit werden. Um dem entgegenzuwirken, ziehen die Teams einen multimodalen Ansatz vor, der pharmakologische und nicht-medikamentöse Interventionen kombiniert. Er stützt sich zudem auf eine vorausschauende Planung schmerzhafter Behandlungen und eine enge Koordination zwischen Ärzt:innen und Wundexpert:innen aus der Pflege, um die Schmerzintensität zu begrenzen und die Wundheilung zu optimieren.

Die Wundexpertin Helena Membrez am CRR erklärt: «Die vorausschauende Planung von schmerzhaften Behandlungen und die interprofessionelle Zusammenarbeit sind entscheidend, um Schmerzen zu lindern, die Wundheilung zu optimieren und Komplikationen vorzubeugen.» An der RKB läuft derzeit eine Pilotphase mit Virtual-Reality-Systemen, deren erste Ergebnisse in Kürze erwartet werden.


Prävention von funktionalen und psycho­logischen ­Folgen

Hypertrophe Narben, Kontrakturen, Retraktionen und Adhäsionen können zu einer Einschränkung der Beweglichkeit führen und motorische Funktionen beeinträchtigen. Die Pflegefachpersonen greifen frühzeitig ein, um solche Komplikationen vorzubeugen: durch Hautpflege (Hydration, Eincremen, Schutz), Lagerung, Druckentlastung oder Orthesen. Diese Interventionen ergänzen die Arbeit von Physio- und Ergotherapie, die durch passive und aktive Mobilisationen dazu beitragen, die funktionellen Fähigkeiten zu erhalten resp. wiederherzustellen. Innovative Ansätze wie die Kaltplasma-Therapie werden zusätzlich zur Standardversorgung eingesetzt, um die Wundheilung zu unterstützen und die mikrobielle Belastung der Wunden zu reduzieren.

Gleichzeitig unterstützt die Pflege Brandverletzte bei der Bewältigung möglicher psychologischer Folgen: Angst, posttraumatischer Stress, Furcht vor den Blicken anderer und auch bei der Wiederaneignung des eigenen Körpers.


Die Beziehung zum Körper und zu anderen

Verbrennungen hinterlassen sichtbare Spuren: Narben, Verbände, funktionelle Einschränkungen. Sie können durch technische oder ästhetische Hilfsmittel wie Kleidung, Make-up oder Perücken teilweise gemildert werden. Zum veränderten äusseren Erscheinungsbild kommt eine weitere, subtilere Dimension: die Veränderung des Selbstbildes, das Gefühl des Verlusts der Identität, die Angst vor den Blicken anderer und die Furcht vor Stigmatisierung.

Solche Aspekte sind zwar weniger sichtbar, verstärken sich jedoch in intimen Momenten und bei der Konfrontation mit dem eigenen Körperbild. Sie prägen den Rehabilitationsprozess und die Arbeit am Wiederaufbau der Persönlichkeit tiefgreifend. Das betrifft auch die Angehörigen, die mit Situationen von Unsicherheit und Verletzlichkeit konfrontiert sind, in denen Bezugspunkte ins Wanken geraten und Verantwortlichkeiten sich manchmal nachhaltig verändern. Ihr Engagement ist eine wichtige Ressource im Pflegeprozess, stellt aber auch eine erhebliche emotionale Belastung dar, die erkannt und begleitet werden muss.

Die Rolle des Pflegepersonals geht über die klinische Beurteilung hinaus. Es geht darum, Unsichtbares wahrzunehmen, zu benennen und zu begleiten, um die Rückkehr in den Alltag zu unterstützen und schrittweise Vertrauen wiederherzustellen. Besondere Aufmerksamkeit gilt möglichen Anzeichen von Rückzug, Überlastung oder Vermeidung, um die Begleitung im Rahmen eines ganzheitlichen, integrierten und personenzentrierten Ansatzes anzupassen.

Die Pflege ist somit Teil einer kontinuierlichen Beziehungsdynamik, die auf die Wiederaneignung des Körpers, die Wiedereingliederung in soziale Interaktionen und den Wiederaufbau der Verbindung zu sich selbst und zu anderen abzielt. Dieser Prozess verläuft schrittweise und unter Berücksichtigung des individuellen Tempos jede:s Einzelnen.


Akteur:innen im eigenen Genesungsprozess

Bei der Rehabilitation geht es nicht nur um «Behandlung», sondern darum, dass die brandverletzte Person wieder Selbstständigkeit erlangt. Sie wird bei der Bewältigung des Alltags begleitet: Flüssigkeitszufuhr, Sonnenschutz, Umgang mit Kompressionskleidung, Orthesen, Juckreiz, Schmerzen und Aktivitäten des täglichen Lebens.

Die therapeutische Edukation ist Teil eines strukturierten Ansatzes, der auf einer anfänglichen Bewertung der Bedürfnisse und Kompetenzen der Person basiert und dabei ihre körperlichen und kognitiven Fähigkeiten sowie ihr Verständnis, ihre Vorstellungen und Konzepte berücksichtigt, da diese Aspekte ihr Engagement und die Aneignung des Gelernten beeinflussen. Anschliessend werden gemeinsam individuelle Ziele erarbeitet, um die Selbstständigkeit zu stärken und die Anpassung an die Situation zu fördern. Wie Jennifer Vaz Cordeiro erklärt, «geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um die Entwicklung von Selbstpflegekompetenzen und die Stärkung der Eigenverantwortung auf dem Rehabilitationsweg».

Die Interventionen konzentrieren sich insbesondere auf das Tragen von Kompressionskleidung, den Umgang mit Silikonplatten, um Wärmeregulierung und die Vorbeugung von Hautkomplikationen wie hypertrophe Narbenbildung. Dazu kommen Rollenspiele, die die persönliche und berufliche Wiedereingliederung fördern. Eine regelmässige Neubewertung ermöglicht es, die Massnahmen anzupassen und die Kontinuität und Wirksamkeit des Behandlungsverlaufs sicherzustellen.

 

Strukturiert, kontinuierlich und interprofessionell

Die Versorgung von Brandverletzten basiert auf einer engen Zusammenarbeit von Ärzt:innen, Pflegefachpersonen, Wund­expert:innen, Physio- und Ergotherapie, Psycholog:innen, Ernährungsberatung und Sozialarbeit. Innerhalb der interprofessionellen Organisation nehmen die Pflegefachpersonen eine zentrale Koordinations- und Schnittstellenfunktion zwischen den Brandverletzten, ihren Angehörigen und den beteiligten Fachpersonen ein. Da sie täglich an der Seite der Patient:innen sind, gewährleisten sie die unverzichtbare klinische und zwischenmenschliche Kontinuität, koordinieren die Massnahmen, erleichtern den Informationsfluss und tragen dazu bei, die Kohärenz im Behandlungsverlauf zu wahren. Diese privilegierte Position ermöglicht es ihnen auch, aufkommende Bedürfnisse frühzeitig zu erkennen, Angehörige zu begleiten und die Adhärenz zu fördern.
Die Koordination orientiert sich an den individuellen Rehabilitationszielen, die gemeinsam mit der betreuten Person festgelegt und regelmässig evaluiert werden. Jede Woche treffen sich die Teams zum Austauch und zur gemeinsamen Entscheidungsfindung, insbesondere bezüglich Schmerz­management, Wundverlauf und der Vorbereitung auf die Rückkehr nach Hause.

Im Alltag setzt sich diese Dynamik an der Seite der Patient:innen fort. Klinische Beurteilungen ermöglichen es, die Entwicklung der Wunden, der Schmerzen, der Mobilität und der psychosozialen Auswirkungen zu verfolgen und die Interventionen kontinuierlich anzupassen. Diese regelmässige Nachsorge gewährleistet, dass die Versorgung den festgelegten Rehabilitationszielen entspricht.
Schliesslich ist die Vorbereitung auf die Rückkehr nach Hause eine entscheidende Etappe im Rehabilitationsprozess. Er wird Schritt für Schritt gemeinsam mit der betroffenen Person und ihrem Umfeld gestaltet, um wieder ein sicheres und erfülltes Leben zu Hause zu ermöglichen.


Fazit

Die Rehabilitation von Brandverletzten zeigt die Komplexität und Vielschichtigkeit der Versorgung: Über technische Aspekte hinaus geht es um eine ganzheitliche Begleitung, die Prävention, Aufklärung und psychosoziale Unterstützung umfasst. Dank einer strukturierten interprofessionellen Koordination tragen diese Massnahmen zur Wundheilung, zur funktionellen Wiederherstellung und vor allem zur Rückkehr in die Selbstständigkeit und zur Wiederherstellung der Lebensqualität bei.

 

Autor:innen

Marc-Antoine Degraeve Clinical Nurse Specialist, Clinique romande de réadaptation (CRR),  

Thomas Kirschning Pflegefachmann, Wundexperte, Rehaklinik Bellikon (RKB),  

Helena Membrez Pflegefachfrau, Wundexpertin CRR,   

Jennifer Vaz Cordeiro Pflegefachfrau, Expertin in therapeutischer ­Edukation, CRR,

«Ein Gebiet, in dem es alle Sinne und Fertigkeiten braucht»

Thomas Kirschning (Co-Autor des obigen Artikels und der Kolumne unten) verfügt über langjährige und umfassende Erfahrung, seit er 1984 in Leipzig mit der Ausbildung zum diplomierten Pflegefachmann begann. Danach leitete er den Aufbau einer postoperativen Intensivüberwachungsstation. Es folgten diverse Weiterbildungen, etwa in Anästhesie- und Intensivpflege, eine Managementausbildung und später in der Wundversorgung. Seit 2008 arbeitet Thoma Kirschning in der Rehaklinik Bellikon. Interview.

 

Krankenpflege: Warum wählten Sie diese Spezialisierung?

Thomas Kirschning: Wunden haben mich schon immer interessiert. Auch ohne die spezialisierte Ausbildung habe ich immer Patient:innen besonders im chirurgischen und orthopädischen Bereich betreut. Jede Art von Wundversorgung war mir willkommen.

 

Was hat sie an der Rehabilitation gereizt?

Hier kam ich erstmals in intensiven Kontakt mit Patien­t:innen, die Brandverletzungen erlitten hatten. Das ist ein äusserst spannendes und anspruchsvolles Gebiet und erfordert alle Sinne und Fertigkeiten.

 

Was interessiert Sie besonders an der der Pflege von Brandverletzten? Die Technik oder die menschliche Ebene?

Das ist eine gute Frage. Die technischen Aspekte beziehen sich auf das sichere Anlegen von Verbänden, damit diese, im Gegensatz zum Akutspital, bei mobil werdenden Patient:innen gut halten. Materialkunde ist für die sich stets verändernden Wunden sehr, sehr wichtig. Oft realisieren Patient:innen erst in Rehabilitation richtig, was passiert ist und müssen sich mit dem Ereignis, manchmal auch mit ­ihren Taten auseinandersetzen. Das ist meist mit psychischen Krisen verbunden, die spätestens ab diesem Zeitpunkt verarbeitet werden müssen und die auch zu Wundheilungsstörungen führen können. Als Wundexperte und behandelnde Person benötige ich dabei einen sehr vertrauensvollen Umgang. Meine Meinung zum Unfallgeschehen darf an dieser Stelle keine Rolle spielen. Ich bin dazu da, den Patienten, die Patientin optimal zu betreuen und die Verletzungen zu heilen. Ihre inneren Verletzungen zu sehen und nicht zu ignorieren ist ein besonders hoher Anspruch. Man muss Vertrauen schaffen, von der ersten Minute an.

 

Pflegen Sie auch andere Rehabilitationspatient:innen oder ausschliesslich Brandverletzte?

Wir betreuen auch andere sehr anspruchsvolle Wunden aus dem Bereich der polytraumatisierten Patient:in­nen. Amputationswunden, bis hin zu Vierfachamputationen sind unser tägliches Brot, wie auch die Betreuung von Hautersatz, Muskel- und Lappenplastiken. Wir haben ein breites Behandlugsspektrum und kombinieren gern unsere erlernten und teils konservativen Methoden mit alternativen und hochmodernen Behandlungsmethoden, wie etwa Maden- oder Water-Jet-Therapie, Kaltplasma usw.

 

Können Sie einen Fall eines/einer Patient:in beschreiben, dessen/deren Verlauf in der Klinik für Sie besonders prägend war?

Da gibt es verschiedene. Besonders in Erinnerung sind mir die Fälle der Vierfachamputierten, die aufgrund schrecklicher Arbeitsunfälle, beziehungsweise nekrotisierender Fasziitiden amputiert werden mussten. Das sind lange Wege bis zur Rehabilitation und wie die meisten mit Rückschlägen und erneuten Operationen verbunden. Bei den Brandverletzten erinnere ich mich besonders an einen jungen Mann in der Lehre zum Schreiner, der nach einer unverschuldeten Feinstaubexplosion besonders im ­Gesicht sehr schlimm geschädigt war. Die grosse Kunst des Wundexperten besteht nicht nur darin, professionell zu behandeln, sondern sich das eigene Entsetzen nicht anmerken zu lassen. Gleiches passiert jetzt mit den Opfern aus Crans-Montana. (fm)

 

Versorgung von Brandverletzten von Crans-Montana in den Suva-Kliniken

Aktuell befinden sich zwölf Patient:innen in der Intensivrehabilitation in den Suva-Kliniken in Sitten und Bellikon. Ihre Verbrennungen betreffen 40 bis 80 Prozent der Körperoberfläche. Sie werden von hochspezialisierten, interdisziplinären und multiprofessionellen Teams ganzheitlich betreut. Nach aktuellen Schätzungen werden in den kommenden Wochen und Monaten weitere acht bis zehn schwerbrandverletzte Patient:innen aufgenommen werden. 

Zwanzig Patient:innen haben das stationäre Rehabilitationsprogramm in Sitten und Bellikon bereits erfolgreich abgeschlossen und die Einrichtungen verlassen. In der CRR setzen etwa 50 Prozent der Patient:innen ihre Behandlung ambulant fort, um die in der Rehabilitation erzielten Fortschritte zu festigen und die Kontinuität der Versorgung zu gewährleisten. Die Mehrheit konnte ihren Alltag sowie ihre beruflichen oder schulischen Aktivitäten wieder aufnehmen oder schrittweise in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren.

«Was meinen wir eigentlich, wenn wir von ganzheitlicher Betreuung sprechen?»

Kolumne – Thomas Kirschning, Februar 2026

Der Januar 2026 war einer dieser Monate, die sich einprägen. Die Ereignisse in Crans-Montana – und für mich im Lichte dessen ein besonders wichtiger DAV-Kongress – haben mir erneut gezeigt, was wir meinen, wenn wir von ganzheitlicher Betreuung sprechen. Und was es braucht, damit dieser Anspruch nicht nur gut klingt, sondern im Alltag trägt.

In Crans-Montana wurde Enormes geleistet. Leitstellen, Rettungsdienste, Helipiloten, operative Teams und Intensivstationen arbeiteten unter hoher Belastung – und gleichzeitig mit beeindruckender Präzision. Was dabei leicht vergessen geht: Enormes wurde nicht nur dort geleistet, sondern auch in vielen Spitälern in der Schweiz und Europa, in welche teils schwerst verletzte Patient:innen geflogen und aufgenommen wurden. Ganzheitliche Betreuung zeigt sich eben nicht an einem Ort – sondern an der Fähigkeit vieler Teams, über Regionen und Systeme hinweg gemeinsam zu funktionieren.

Mich hat in diesen Tagen besonders bewegt, wie breit Unterstützung organisiert wurde: Care-Teams, psychologische Begleitung, spontane Hilfe aus der Bevölkerung, Menschen, die Essen organisierten, Kaffee kochten, einfach da waren. All das ist Versorgung. Und all das ist ganzheitlich.

Und trotzdem beginnt die Geschichte nicht nur am Unfallort oder im Akutspital – sie endet dort vor allem nicht. Im März kamen die ersten Patient:innen in die Rehabilitation. Und spätestens dann wurde klar: Ganzheitliche Betreuung ist kein Schlagwort. Sie ist Teamarbeit – interdisziplinär und interprofessionell, Tag für Tag, mit allen Reibungen, die das mit sich bringt.

Gerade bei schweren Wunden und Verbrennungen bedeutet «ganzheitlich» weit mehr als Wundauflage und Verbandwechsel. Es geht um Schmerz, Schlaf, Mobilisation, Ernährung, Infektkontrolle, psychische Verarbeitung – und um die Frage, wie ein Mensch wieder in seinen Alltag zurückfindet, der sich schlagartig vollständig verändert hat. Das gelingt nur, wenn Zusammenarbeit nicht auf dem Papier stattfindet, sondern im Handeln.

Dabei erlebe ich immer wieder, dass Wundversorgung nach der Akutphase unterschätzt wird. Sie hat eigene Methoden, eigene Dynamiken und eine Präzision, die nicht «nebenbei» mitläuft. Und sie ist die Grundlage für vieles, was danach kommt. Physiotherapie ist ein zentraler Teil der Rehabilitation – und sie wird dort am stärksten, wo die Wundsituation stabil ist und die Versorgung stimmt. Ohne Wundruhe keine Belastungssteigerung. Ohne Schmerz- und Exsudatkontrolle keine konsequente Mobilisation. Ohne Pflege, die die Grundbedürfnisse sichert, keine Therapie, die nachhaltig greift.

Genauso gilt aber auch das Umgekehrte: Ohne Therapie bleibt Versorgung unvollständig. Wunden heilen nicht im Liegen. Bewegung, Funktion, Alltag, Teilhabe – das sind Ziele, die von Beginn an mitgedacht werden müssen. Ganzheitlich bedeutet deshalb nicht, dass eine Disziplin «führt» und die anderen folgen. Ganzheitlich bedeutet, dass jede Profession ihren Beitrag leistet – klar, kompetent und mit Respekt für die Arbeit der anderen.

Zu dieser Realität gehört auch die Versorgung mit Material und Lösungen. Und hier hat mich im Januar etwas auf eine andere Art beeindruckt: Wenn Produkte, von denen ich eigentlich davon ausgegangen war, dass sie in der Schweiz ausreichend verfügbar sind, kurzfristig mit dem Helikopter eingeflogen werden müssen, dann ist das einerseits beeindruckende Logistik – und andererseits ein deutliches Signal. Es zeigt, wie wichtig Produktvielfalt, Verfügbarkeit und eine breitere Anzahl verlässlicher Lieferanten sind. Nicht aus Marketinggründen, sondern aus Versorgungsgründen.

Denn ganzheitlich bedeutet für mich auch: das passende Produkt zur richtigen Zeit – mit Blick auf Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit. Über- wie Unterversorgung schadet. Medizinisch wie ökonomisch. Und genau deshalb braucht es Strukturen, die Auswahl ermöglichen, statt sie einzuengen.

Am Ende ist ganzheitliche Betreuung nichts Romantisches. Sie ist Arbeit. Sie ist interprofessionelle Disziplin. Und sie ist Haltung: Man muss sich nicht immer liebhaben. Aber man sollte einander nicht klein machen. Denn wenn wir später über Crans-Montana sprechen, dann sollten wir nicht nur an das Ereignis und seine Opfer denken – sondern auch an diejenigen, die ganzheitlich gegeben haben, und an das, was danach weitergetragen werden muss.

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